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Epigenetik: Was Tests zum biologischen Alter messen können

Deine Gene stehen fest, ihre Aktivität nicht ganz. Was Epigenetik ist, was zwei neue Studien über Ernährung und biologisches Altern zeigen, und was Selbsttests aussagen können und was nicht.

Dr. med. Susan Biering · Ärztin
29. Oktober 2026
Röntgenbild einer Hand, die ein OK-Zeichen formt

Deine Erbsubstanz, die DNA, bekommst du von deinen Eltern mit. Sie ist schon bei der Befruchtung festgelegt, und an ihrer Reihenfolge ändert sich im Leben kaum etwas. Welche Gene in einer Zelle gerade aktiv sind, ist dagegen beweglich. Gesteuert wird das unter anderem über kleine chemische Markierungen an der DNA, sogenannte Methylgruppen. Diese Ebene der Steuerung heißt Epigenetik.

Die Markierungen verändern sich im Lauf des Lebens. Ein Teil davon folgt dem Alter, ein Teil hängt mit Lebensstil und Umwelt zusammen. Daraus ist die Idee entstanden, aus dem Muster dieser Markierungen im Blut ein biologisches Alter zu berechnen. Solche Rechenverfahren heißen epigenetische Uhren.

Gesunde Ernährung und langsameres biologisches Altern

Ein Team des Deutschen Zentrums für Neurodegenerative Erkrankungen hat 2026 Blutproben und Essgewohnheiten von rund 7.500 Menschen ausgewertet. 6.470 davon stammen aus der Rheinland Studie in Bonn. Etwa 1.000 Menschen aus der EPIC-Potsdam-Studie dienten zur Bestätigung. Bewertet wurden zehn als gesund geltende Ernährungsweisen, darunter die mediterrane, die nordische und eine pflanzenbetonte Ernährung.

Das Ergebnis: Bei allen zehn ging eine höhere Ernährungsqualität mit einem etwas langsameren biologischen Altern einher, gemessen mit epigenetischen Uhren. Die Effekte waren messbar, aber nicht groß. Mehr als 70 Prozent der beteiligten Signalwege, also der Abläufe, mit denen Zellen Informationen verarbeiten, waren bei allen Ernährungsweisen dieselben.

Die Botschaft dahinter ist entlastend: Es gibt nicht die eine beste Diät. Wichtiger ist, wie gesund du insgesamt isst.

Eine Einschränkung gehört dazu. Die Studie hat Zusammenhänge beobachtet. Wer sich gesund ernährt, lebt oft auch in anderer Hinsicht gesünder, und das lässt sich nie vollständig herausrechnen.

Nicht jede Uhr misst dasselbe

Eine zweite große Arbeit aus dem Jahr 2026 hat geprüft, wie zuverlässig epigenetische Uhren auf Veränderungen reagieren. Ein Team der Yale University hat dafür 51 Studien mit Menschen zusammengeführt. Der wichtigste Befund für alle, die über einen Selbsttest nachdenken: Die Uhren sind nicht austauschbar.

Die älteren Uhren der ersten Generation reagierten in dieser Auswertung kaum verlässlich auf Veränderungen. Neuere Uhren, die auf Gesundheitsdaten statt nur auf das Geburtsdatum trainiert sind, reagierten verlässlicher. Und manche Uhren sprachen vor allem auf Lebensstil an, andere vor allem auf Medikamente.

Wie unterschiedlich das Ergebnis ausfallen kann, zeigt eine kleine Studie aus Freiburg und San Diego. 48 gesunde Menschen aßen vier Wochen lang entweder vegan oder besonders fleischreich. In der veganen Gruppe zeigten zwei Uhren, die auf Gesundheitsdaten ausgerichtet sind, ein langsameres biologisches Altern. Eine dritte Uhr, die auf das kalendarische Alter ausgerichtet ist, zeigte ein anderes Muster. Welche Uhr verwendet wird, entscheidet also mit über die Aussage. Für endgültige Schlüsse sind vier Wochen mit 48 Menschen ohnehin zu wenig, das sagen die Forschenden selbst.

Falls du über eine vegane Ernährung nachdenkst: Dann brauchst du dauerhaft ein Vitamin-B12-Präparat, weil B12 fast nur in tierischen Lebensmitteln steckt. Lass dich dazu am besten in deiner Hausarztpraxis beraten.

Was ein Test dir sagen kann und was nicht

Auch die besten Uhren haben eine Lücke. Ob ein gesunkenes biologisches Alter weniger Krankheiten oder mehr gesunde Jahre bedeutet, ist bisher nicht nachgewiesen. Ab welcher Veränderung ein Unterschied für die Gesundheit relevant wäre, ist ebenfalls nicht festgelegt.

Solche Tests sind keine anerkannte medizinische Untersuchung. Sie stellen keine Diagnose und ersetzen keine Vorsorge. Ein gutes Ergebnis heißt also nicht, dass alles in Ordnung ist, und ein schlechtes ist kein Grund zur Sorge.

Wenn du einen Test in Betracht ziehst, lohnen sich drei Fragen: Welche Uhr verwendet der Anbieter? Wurde genau diese Uhr in Studien auf Veränderungen geprüft? Und was würdest du anders machen, wenn das Ergebnis gut oder schlecht ausfällt? Wenn die Antwort auf die letzte Frage „nichts“ lautet, brauchst du den Test meist nicht.

Was daraus folgt

Epigenetik zeigt einen der Wege, über die Lebensstil bis in die Zellen hineinwirken kann. Sie ist ein gutes Argument dafür, Ernährung, Bewegung und Schlaf ernst zu nehmen. Ein Messwert, der dir sagt, wie alt du biologisch bist, ist sie bisher nicht.

Dieser Beitrag ersetzt nicht das Gespräch mit deiner Ärztin oder deinem Arzt.

Quellen

  1. Tavares, J. F., Liu, D., Talevi, V., et al. (2026). Associations between diet quality, epigenetic aging and epigenome in two population-based cohorts. Nature Communications. https://doi.org/10.1038/s41467-026-77064-4
  2. Deutsches Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen. (2026, 16. September). Gesunde Ernährung ist mit langsamerem biologischen Altern verknüpft, doch es gibt nicht DIE „beste“ Diät [Pressemitteilung]. Informationsdienst Wissenschaft. https://idw-online.de/de/news877508
  3. Sehgal, R., Borrus, D., Armstrong, J. F., et al. (2026). Responsiveness of epigenetic aging biomarkers to longevity interventions in humans. Nature Medicine, 32(9), 3477–3490. https://doi.org/10.1038/s41591-026-04562-9
  4. Karbacher, L., et al. (2026). A vegan diet epigenetically modulates inflammatory pathways and biological aging: Genome-wide DNA methylation analysis of a one-month isocaloric vegan versus meat-rich dietary intervention. MedComm. https://doi.org/10.1002/mco2.70899
  5. University of California San Diego. (2026, 4. August). One month on a vegan diet shifts epigenetic patterns associated with aging and inflammation [Pressemitteilung]. https://today.ucsd.edu/story/one-month-on-a-vegan-diet-shifts-epigenetic-patterns-associated-with-aging-and-inflammation

Abgerufen am 29. Oktober 2026.

Dr. med. Susan Biering
Ärztin in Dresden. Begleitet Menschen im Longevity-Programm, in Dresden und online.

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